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Wenn es eigentlich schon zu spät ist
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Katastrophenschutz Wenn es eigentlich schon zu spät ist

„Das ist wie eine Versicherung“, sagt Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) über den Katastrophenschutzplan der Stadt. „Wenn die Katastrophe kommt, ist es zu spät.“ Doch wie bereiten sich Stadt und Landkreis Göttingen eigentlich den Katastrophenfall vor?

Helfer während der Katastrophenschutz-Übung im vergangenen Jahr

Quelle: Archiv

Göttingen. „Die Stadt Göttingen hat noch nie den Katastrophenfall ausgerufen“, erklärt Jörg Kortebröcker, der bei der Göttinger Feuerwehr für den Katastrophenschutz zuständig ist. Im Fall einer Katastrophe wird ein Stab zur zentralen Leitung eingesetzt, der sich aus Mitarbeitern der Stadtverwaltung, Polizei, Feuerwehr und Hilfsorganisationen zusammensetzt. Je nach Lage kommen Experten dazu. Den Katastrophenzustand ausrufen können nur Oberbürgermeister und Landrat.

Katastrophale Szenarien für Göttingen seien unter anderem Hochwasser, Cyberattacken, Stromausfall und Wetterextremsituationen, erklärt Martin Schäfer, Leiter der Göttinger Berufsfeuerwehr. Wenn es soweit ist, trifft sich der Katastrophenstab im so genannten Führungsraum im Gebäude der Berufsfeuerwehr. Das Team besteht aus fest benannten Personen und Vertretern. Wenn die Leitstelle der Berufsfeuerwehr Ende dieses Jahres in den benachbarten Neubau an der Breslauer Straße zieht, zieht der Führungsraum in die alte Leitstelle um.

Der Raum wird gerade so ausgestattet, dass der Stab sofort autark arbeiten kann. Die Planungen laufen bereits auf Hochtouren. Die Besprechungstische werden von zwei großen Bildschirmen flankiert und darauf die Lage mit aktuellen Daten visualisiert. An zwei Arbeitsplätzen läuft die Kommunikation zusammen. Alle Nachrichteneingänge verarbeitet ein so genannter Sichter, auch für zur Betreuung der Presse ist ein Mitarbeiter abbestellt.

Das Ganze gibt es auch, in abgespeckterer Version, als Fahrzeug. Seit 2016 nutzt die Feuerwehr ein entsprechendes Einsatzfahrzeug. Die Kommunikation läuft über Satellit. Der Stab aktualisiert vor Ort die Lagekarte, plant, organisiert Hilfe, stellt Funkverbindungen zu den Einsatzkräften her und beschafft übers Internet alle relevanten Informationen.

Eine bedeutende Rolle spielt dabei vor allem die Dokumentation, sagt Kortebröcker. Alle Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr verfügen über die notwendige Technik, um Ereignisse von Beginn an zu erfassen, nachvollziehbar und planbar machen, erklärt der Katastrophenschützer. Auch das Personal ist entsprechend geschult. Dabei helfen vor allem „ die altbackenen Merkzettel“, sagt Schäfer. Denn Katastrophenschutz bedeute nicht, „wie kriegen wir die Kuh vom Eis?“, sondern sei detaillierte Planung. Das sei vor allem in der Zusammenarbeit mit anderen Stäben wichtig, denn eine Katastrophe höre nicht an einer Stadt- oder Landesgrenze auf. Deswegen seien die Stabsfunktionen bundesweit gleich strukturiert. Während der Stab koordiniert, rücken die zahlreichen Helfer vor Ort aus. Die ehrenamtlichen Katastrophenschützer rekrutieren sich vor allem aus Freiwilligen Feuerwehren, Technischem Hilfswerk und Rettungsorganisationen wie Arbeiter-Samariter-Bund, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter Unfallhilfe und Malteser Hilfsdienst. Außerdem unterstützen zahlreiche Mitarbeiter der Stadt und Ehrenamtliche den Katastrophenschutz.

Doch trotz aller Planung muss der Ausnahmezustand vor allem geübt werden. Die Übungen organisiert Kortebröcker. Ein Jahr dauern die Vorbereitungen, für die er nicht nur ein Katastrophenszenario erarbeitet, sondern auch alle möglichen Reaktionen des Stabs einplanen muss. Die Übungen führen die Göttinger zusammen mit dem Landkreis durch. Die seien sehr effektiv: „Man taucht sehr schnell ab, verlässt die Realität und findet sich in der Lage wieder“, erklärt Kortebröcker.

Vom lang andauernden Stromausfall zur Katastrophe

Was passiert, wenn sich in Göttingen eine Katastrophe ereignet? Dann reagiert der zuständige Stab je nach Bedarf und Lage, erklärt Martin Schäfer, Leiter der Göttinger Berufsfeuerwehr. Ein Katastrophenfall lasse sich deswegen nicht exakt simulieren, doch am Beispiel eines lang andauernden Stromausfalls skizzieren.

Erst einmal wird es dunkel, sagt Schäfer. Kühlschrank und Heizungen fallen aus, die Frisch- und Abwasserversorgung funktioniert nicht mehr. Auch die Telefonleitungen sind tot. Die Bevölkerung wird versuchen, mit vielen Kerzen für Beleuchtung und etwas Wärme zu sorgen. Dadurch kommt es verstärkt zu Bränden, die sich schnell ausbreiten, weil die Feuerwehr telefonisch nicht erreichbar ist. Durch Ampelausfälle steigt die Anzahl der Verkehrsunfälle schnell an. Das führt zu Stressreaktionen unterschiedlicher Art. In dem entstehenden Chaos werden Einbrüche und Plünderungen verübt. „Das fächert sich sehr schnell auf“, sagt Schäfer.

Erste Anlaufstelle für die Bevölkerung seien die Ortsfeuerwehren, von denen viele bereits mit Notstromaggregaten ausgestattet seien. Das soll, so erklärt der Göttinger Feuerwehrchef, auf das gesamte Stadtgebiet und auf Rettungsstationen ausgedehnt werden. Für die Frischwasserversorgung können Notbrunnen installiert und Trinkwasser vom Technischen Hilfswerk aufbereitet werden. Weil bei einem Stromausfall auch Tankstellen ausfallen, koordiniert der Stab, woher unter anderem Krankenhäuser Diesel-Nachschub für ihre Notaggregate herkommen kann. Je nach Bedarf wird priorisiert. „Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime sind Bereiche, bei denen wir uns sehr schnell einbringen müssen“, erklärt Schäfer.

Dafür bauen die Helfer auch beheizbare Notunterkünfte auf. Auch Polizeieinsätze werden danach abgewogen, ob eher Verkehrsunfälle oder Plünderungen eine aktuelle Gefahr darstellen. Schäfer appeliert allerdings auch an die Eigenverantwortung der Bevölkerung, sich entsprechend der Empfehlungen vom Bundesamt für Katastrophenschutz auf den Ernstfall vorzubereiten: „Wir können nicht 130?000 Göttingern ein Rundum-Sorglos-Paket liefern.“ wes

Katwarn-App und Testalarm

Katwarn heißt das Katastrophen-Warnsysten für Mobiltelefone. Darüber geben die Katastrophenschutzbehörden von Stadt und Landkreis Göttingen bei Gefahr Warnungen heraus. Nach dem herunterladen der App müssen sich die Nutzer registrieren lassen. Um die Notfallbenachrichtigung zu simulieren, gibt es am Sonnabend, 20. Mai, um 14 Uhr, eine Testalarm. Katwarn versorgt die Nutzer bei Gefahr in der Umgebung mit den wichtigsten Warnungen und gibt Verhaltenshinweise übers Mobiltelefon. Außer einer Übersicht sind auch Warnungsanzeigen für den aktuellen Standort möglich.

Seit August vergangenen Jahres haben sich in Stadt und Landkreis bereits 16?300 Nutzer registriert. Weitere Informationen gibt es im Internet unter katwarn.de

Landkreistag sieht „dringenden Handlungsbedarf“

Göttingen. Wie gut ist Niedersachsen für den Fall vorbereitet, wenn sich eine Katastrophe ereignet und schnell reagiert werden muss? Vom aktuellen Positionspapier des Niedersächsischen Landkreistags (NLT) ausgehend, fast katastrophal. Beim Bevölkerungs- und Katastrophenschutz bestehe „dringender Handlungsbedarf“. Außerdem müsse nach Angaben des NLT mittelfristig ein dreistelliger Millionenbetrag zur Verbesserung bereitgestellt werden.

Beim Bevölkerungs- und Katastrophenschutz verankerten die Delegierten zahlreiche Vorschläge für Verbesserungen im Katastrophenschutz – für die allerdings noch Geld und zusätzliche Unterstützung fehlt. „Angesichts der jüngsten Terroranschläge und -verdachtslagen sowie den vielfältigen Herausforderungendurch Hochwasserlagen, Stürme sowie mögliche Cyber-Attacken fordern wir für den Bereich eine stärkere Aufmerksamkeit“, erklärte Bernhard Reuter (SPD), Landrat des Landkreises Göttingen und neu gewählter Präsident des NLT.

Künftig müsse einiges verbessert werden. „Wir alle vertrauen auf funktionerende Leistungen der Daseinsvorsorge und technische Systeme wie Mobilfunknetze. Wir müssen uns aber auf Störungen wie zum Beispiel einen lang anhaltenden Stromausfall besser mit landesweiten Konzepten einrichten. Auch die Fahrzeugbeschaffung im Katastrophenschutz muss neu konzipiert und vom Bund an die aktuelle Bedrohungslage angepasst werden.“ wes

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