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Bingo statt Einsamkeit
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Thema des Tages Bingo statt Einsamkeit

Das Flüchlingswohnheim auf der Siekhöhe ist in der politischen Diskussion, Beispielsweise die Linken im Rat der Stadt fordern, dass dort wegen der Wohnverhältnisse keine Kinder mehr untergebracht werden sollen. Wie sieht es in der Halle aus, wie leben die Flüchtlings dort? Ein Besuch.

Quelle: PH

Göttingen. Gonde Alidou kommt lässig in den Saal geschlendert. Er steuert auf den Kinderwagen zu, in dem die erst wenige Monate alte Maria liegt. Der junge Mann von der Elfenbeinküste nimmt das Baby auf den Arm und bedeckt es mit Küssen.  Die Kleine strahlt, der Große auch. Marias Eltern sind heute mit dem Baby zu Besuch im Flüchtlingswohnheim auf der Siekhöhe. Sie haben jetzt eine eigene Wohnung, so wie 330 weitere Flüchtlinge, die seit Mai 2016 vorübergehend in der Unterkunft lebten. Rund 40 von Ihnen sind in den vergangenen Monaten freiwillig dorthin zurück gezogen. "Die  meisten, weil sie sich alleine in einer Wohnung einsam fühlten", so der Leiter der Einrichtung, Pascal Comte vom DRK. Das gelte vor allem für junge Männer, die alleine geflüchtet sind.

Marias Eltern stammen aus Nepal. Sie sind Moslems, eine Minderheit in dem Himalayastaat. Vor fünf Monaten kamen Chandra Tamang und seine Frau Bhibhi nach Deutschland. Schwer zu glauben, er antwortet fast fließend auf Deutsch. Die Tamangs kommen nahezu jeden Tag von ihrer Wohnung an der Europaallee mit dem Bus in die Siekhöhe, besuchen Deutschkurse und andere gemeinsame Aktivitäten - und freuen sich, Bekannte wie Alidou zu treffen.

Eine Ausnahme?  "Zur Zeit haben wir 139 Bewohner hier"; erklärt Comte. Viele der rund 330 ehemaligen Bewohner kommen regelmäßig, um die Angebote weiter zu nutzen. Medizinische Sprechstunden, Sprachkurse, Spiel- und Sportangebote, Kurse und vieles mehr.  91 Flüchtlinge werden regelmäßigen betreut. 16 hauptamtliche und 94 ehrenamtliche Helfer kümmern sich um die Menschen, die aus vielen Ländern Afrikas, Asiens und Europas in Göttingen angekommen sind - aus Syrien, dem Sudan, Afghanistan, Georgien, Tschetschenien und China.

Heute steht nach dem Deutsch-Unterricht Bingo  mit Cornelie Hildebrandt auf dem Programm. Die Göttingerin erteilt zum einen für die Volkshochschule Unterricht auf der Siekhöhe, zum anderen sie ist eine der vielen freiwilligen Helferinnen. Die Tamangs spielen gerne mit, ebenso wie Abdinasir Mohammd Haji Ahmed. Auch der Mann, der im Sudan als Journalist gearbeitet hat, belegt Kurse im Haus.

Die weitläufige, helle und luftige Halle hat rechts einen Gemeinschaftsbereich, unter anderem mit Fitnessstudio, einen Sportraum für Frauen, Küche, Sanitäranlagen, Seminarräumen und Aufenthaltssaal. Links zwei Gänge, an denen die Vier- bis 14-Bettzimmer liegen. Ein Plakat zeigt an, wer dort wohnt. Eines der Viererzimmer teilen sich die beiden afghanischen Frauen Lina und Parwin Afshat mit Edna Mutembwa aus Zimbabwe. Mutembwa sitzt an einem Tisch. Ihr kleiner Bereich ist nur durch Spinde von den Etagenbetten der Afghaninnen abgetrennt. Das Zimmer erinnert an eine Jugendherberge. Privatsphäre gibt es in den Boxen kaum, sie haben zudem keine Zimmerdecken. Daran stoßen sich die Kritiker.

Ehrenamtliche Helfer wie Heidrun Oehler sehen das anders. "Die Menschen sind dort gut aufgehoben", sagt sie. Sie betreut eine 20-jährige Irakerin, die bereits eine Wohnung und einen Ausbildungsplatz gefunden hat. Zuvor lebte sie fünf Monate lang in einem Sechsbettzimmer auf der Siekhöhe. Auch wenn die Zimmer nicht optimal seien, wichtiger sei doch, dass die Menschen dort von anderen Menschen aufgefangen werden. "Meine Lütte war drei Monate zu Fuß unterwegs, bis sie hier ankam", sagt die Helferin. "Sie hatte in dem Wohnheim immer einen Ansprechpartner." Oehler: "Es gibt dort eben nicht nur etwas zu essen und ein Bett zum Schlafen", sagt sie. Denn Hilfe bei Behördensachen, psychologische Unterstützung, ärztliche Betreuung und gemeinsame Aktivitäten findet die Helferin wichtiger.

Draußen spielen Kinder, neben den vielen Fahrrädern auf dem Hof stehen auch etliche Bobbycars und Dreiräder, die eifrig genutzt werden. Einige Männer haben sich zum Rauchen getroffen, schwatzen in der Sonne. Ein paar junge Afrikaner spielen Spiele auf ihren Handys. Drinnen hat sich eine Familie aus Georgien gerade Abendbrot am Buffet geholt, Salat, Oliven Joghurt, Bananen, Honig, Brot und Brötchen. An ihrem Tisch sitzen ein paar junge Männer aus Afghanistan und Virk-Muhammad Afzad aus Pakistan. Der junge, in sich gekehrt wirkende Mann dolmetscht für und unter seinen Freunden, er spricht neben seiner Muttersprache Urdu, ein wenig Englisch, Deutsch, Farsi, Griechisch und Italienisch. Italienisch und Griechisch hat er auf der Flucht gelernt. Seine Reise dauerte mehr als vier Jahre. Er schreibt kleine Gedichte, auf Urdu. Der Handy-Übersetzer macht es möglich, dass auch seine Freunde die melancholischen Einzeiler verstehen.

Bingo mit Cornelie Hildebrandt

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Streit in der Politik um Unterkunft

Die Unterkunft in einer ehemaligen Großmarkthalle auf dier Siekhöhe ist immer wieder Streitthema in der Göttinger Politik. Während der jüngsten Ratssitzung wurde ein Antrag der Linken abgelehnt, in dem es darum ging, dass dort keine Kinder mehr unterbracht werden sollen. "Die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in der Sammelunterkunft im Anna-Vandenhoek-Ring ist umgehend zu beenden", forderte Edgar Schu. Neu ankommende Familien sollen nach Meinung der Linken möglichst dezentral untergebracht und betreut werden. Klaus-Peter Hemann (SPD) sagte dazu: "Ziel dieses Antrags ist es, die Halle so lange schlecht zu reden, bis sie geschlossen wird". Solch ein Antrag schwäche die Arbeit der Ehrenamtlichen in der Einrichtung. "Jeder, der so denkt, sollte sich selbst vor Ort informieren", sagte er. Auch Thomas Harms (Grüne) sagte, dass die Kinder dort "sehr verantwortungsvoll" betreut werden. "Ich höre von den Menschen dort keine Beschwerden." Karin Schultz (CDU) stellte fest, dass von den 19 Kindern in der Halle im April alle, bis auf drei, die noch zu klein sind, einen Kindergarten- oder Schulplatz haben. Der Sozialausschuss des Rates wird der Unterkunft zur der nächsten Sitzung einen Besuch abstatten.

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