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Medienkompetenz
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Wätzolds Woche Medienkompetenz

Als ich diese Woche im türkischen Laden meinen Lieblings-Schafskäse kaufte, begann ich den Small-Talk mit den Worten „Echt schade, dass der blöde Erdogan so knapp gewonnen hat, ne?“ Weil ich keine Antwort bekam, schob ich sogleich scherzhaft nach, dass ich mir jetzt ein T-Shirt bedrucken lasse, sodass vorn groß „Hayir“ drauf steht.

Quelle: Hinzmann

Keine zweieinhalb Minuten später war mir klar, dass diese lockerflockige Gesprächseröffnung nur eine semigute Idee von mir war. Zwei Männer diskutierten nämlich lebhaft mit mir, dabei war Diskutieren beim Betreten des Ladens ja gar nicht meine Absicht gewesen; eigentlich wollte ich nur mit einem flapsigen Spruch für allgemeine Heiterkeit beim Einkauf sorgen.

Beide Herren kritisierten die einseitige Berichterstattung der deutschen Medien. Ich hielt dagegen, dass türkische Medien nun doch wesentlich unausgewogener berichtet hätten. Das allerdings weiß ich ja wiederum nur aus deutschen Medien. Denn türkische Medien sehe, höre und lese ich ja gar nicht. Wozu auch, ich würde ja eh nichts verstehen.

Aber mit modernen Medien bin ich ohnehin überfordert. Das habe ich gemerkt, als ich mich vor drei Wochen bei Facebook angemeldet habe. Prompt wurde ich von ungefähr 50 Mails täglich überrollt. Fast alles waren Freundschaftsanfragen - oft von Leuten, die ich gar nicht kenne. Aber weil Facebook-Freunde ja die neue digitale Währung sind und ich gern im Reichtum schwelge, habe ich alle Anfragen im Schnelldurchgang bestätigt, ohne auf die Namen zu achten.

Dann bekam ich täglich ungefähr 80 Benachrichtigungen. Neben weiteren Freundschaftsanfragen und -empfehlungen wurde ich über die Aktivitäten meiner neuen Freunde informiert. Entweder wollten sie ihre Inhalte mit mir teilen, oder ich sollte mir ihre Kommentare zu den Inhalten ihrer Freunde, also meiner digitalen Schwipp-Freunde, durchlesen. Meine eigentliche Arbeit, für die ich mich üblicherweise an den Computer setze, blieb liegen, weil ich ja den Anschluss in meiner neuen Community nicht verlieren durfte. Sozialstress ohne echte soziale Kontake - ein erstaunliches Phänomen suchte mich da heim.

Die bekloppteste Benachrichtigung war, dass ich mir durchlesen sollte, wie eine Frau ihr eigenes Facebookfoto neu kommentiert hat. Hab’ ich selbstverständlich gemacht, hab’s aber wieder vergessen. Mittlerweile bin ich von dieser Flut an Banalitäten heillos überfordert und meinen digitalen Sozialverpflichtungen nicht mehr gewachsen. Und gestern habe ich mich dann echt erschrocken, als ich bemerkte, dass ich mitirgendeinem Erdogan befreundet bin. Weia… Nächste Woche melde ich mich wieder ab.

Von Lars Wätzold

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