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Vier Stunden purer Händel-Genuss
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Umjubelte Premiere der Oper „Lotario“ Vier Stunden purer Händel-Genuss

Noch nie stand „Lotario“ auf dem Spielplan der knapp 100 Jahre alten Göttinger Händel-Festspiele. Am Freitag hatte nun Händels Oper Premiere im fast ausverkauften Deutschen Theater in einer Inszenierung des Venezolaners Carlos Wagner: eine beeindruckend stimmige Interpretation mit glänzenden Solisten.

Gefangene Königin Adelaide (Marie Lys)

Quelle: r

Göttingen. Riesige Bilder mit brennenden Palästen an den Wänden des Einheits-Bühnenraums (Rifail Ajdarpasic, brillante Lichtführung: Guido Petzold) markieren die Kriegssituation. Immer etwas beklemmend ist die Umgebung, in der sich das verwirrende Spiel um Macht und Gefühle ereignet, der Glanz ist bröckelig. Vor den Wänden stehen Gerüste, die zu diesem Verfall passen, gleichzeitig aber Auftrittsmöglichkeiten in luftiger Höhe bieten.

Der nachdenkliche König Berengario (Jorge Navarro Colorado).

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Hier versucht die böse Matilda, ihre Intrigen auszuspielen. Ihr Ziel: Sie will ihren schwächlichen Sohn Idelberto auf den Thron hieven. Der gehörte zwar einst dem Gatten der edlen Adelaide, doch der ist vergiftet worden. Nun soll Idelberto die Witwe heiraten. Was wiederum Adelaide partout nicht will, weil sie dadurch die ruchlose Tat an ihrem Gatten postum legitimieren würde.

Bärenstark sind diese beiden Frauen. Und besonders wirksam für die Dramatik der Handlung ist der Umstand, dass die Kraft des Bösen der Kraft der Tugend fast gleichkommt. Es ist bestechend, wie der Regisseur die Gestik gestaltet: Die ist affektgeladen, aber von einer derart kraftvollen Ruhe geprägt, dass sie eine ausgesprochen suggestive Wirkung zu entfalten vermag.

Bis zum barocküblichen Ende aller Konflikte, bei dem die richtigen Liebenden zueinanderfinden und allen, die etwas Böses getan haben, in großherziger Milde verziehen wird, breitet Wagner mit feinem Gespür für wirkungsvolle Tableaus und das richtige szenische Tempo das konfliktreiche Handlungsgeflecht aus. Dabei baut er eine Spannung auf, die fast körperlich zu spüren ist. Einen Opernführer braucht man nicht: Was man sieht, erklärt sich von selbst.

Dafür braucht man ein gutes Ensemble. Und in der Tat war bei der Besetzung wohl neben der musikalischen Qualität auch die darstellerische Überzeugungskraft ein Kriterium. Beide erfüllen alle sechs Solisten glänzend. Die Krone gebührt den beiden Frauen, Marie Lys (Adelaide) mit ihrem wunderschön klaren, koloraturenfreudigen Sopran ebenso wie Ursula Hesse von den Steinen mit ihren wahrhaft abgrundtiefen Mezzosopran, der für ihr finsteres Ränkespiel genau den richtigen Ton bietet. Die zweite Mezzosopranistin ist Sophie Rennert in der Hosenrolle des Königs Lotario, der als Retter aus Deutschland naht. Sie passt mit ihrer klug dosierten Stimmkraft und der Beweglichkeit ihrer heller timbrierten Stimmer perfekt dazu.

Jud Perry (Idelberto) hat einen lockeren, hellen Countertenor – und verleiht seinem facettenreichen Rollenprofil –kindlich, schwächlich, gleichwohl charakterstark – besonders eindrucksvolle Züge. Einen schlanken, edlen Tenor bietet Jorge Navarro Colorado (Berengario, Matildas Mann). Mit seinem kernigen, schön timbrierten Bariton rundet der zuverlässige Todd Boyce (Clodomiro) das Ensemble ab.

Der sängerischen Qualität der Solisten steht das Festspielorchester Göttingen in keinem Punkt nach. Die musikalische Energie, die Dirigent Laurence Cummings auf seine hochkonzentrierten, ausdrucksstarken, virtuosen Instrumentalisten ausstrahlt, besitzt dieselbe Kraft wie die Spannung, die Regisseur Wagner auf der Bühne erzeugt. Der Jubel nach gut vier Stunden purem Händel-Genuss wollte kaum enden.

Termine: 21. Mai um 17 Uhr, 22. Mai um 15 Uhr, 24. und 26. Mai um 19 Uhr sowie 28. Mai um 15 Uhr im Deutschen Theater, Theaterplatz 11. Als Public Viewing ist „Lotario“ am 23. Mai um 18 Uhr in der Lokhalle zu erleben, der Eintritt ist frei. Eine Familienfassung der Oper mit Kika-Moderator Juri Tetzlaff steht am 27. Mai um 12 Uhr in der Stadthalle auf dem Programm.

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